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Interview mit Nora Herrmann

Interview mit Nora Herrmann (Ausschnitt)
C.R.: Sie haben sich also schon in früher Kindheit mit der Vogelkunde beschäftigt?

N.H.: Ja. (pfeift)

C.R.: Da gibt es doch bestimmt viele Anekdoten über Ihre Begegnung mit diesen Tieren?

N.H.: Wenn Sie auf die Sache anspielen, wie ich damals auf der Wiese die Grasshüpfer totgetreten hab, um sie dann an die jungen Amseln im Gebüsch vor unserem Haus zu verfüttern, dass würde ich heute nicht mehr machen.

C.R.: Ein Leben für ein Anderes eintauschen?
N.H.: Wenn ́s nur eins gewesen wär ́…(räuspert sich)

C.R.: Darauf wollte ich jetzt aber eigentlich nicht hinaus. Ich meinte das Ereignis, welches Sie zu ihrer neuen Themenfindung inspiriert hat.

N.H.: Es fällt mir schwer darüber zu reden.

C.R.: Das kann ich mir vorstellen.

N.H.: Ich war damals vielleicht 7 oder 8 Jahre alt. Nach einem ausgedehnten Spaziergang mit meinen Eltern, bei dem wir auch durch eine Kleingartensparte kamen, versteckte ich mich auf einem Seitenweg. Leider liefen meine Eltern unbemerkt an mir vorbei, als ich gerade eine Wacholderdrossel beim Fressen beobachtete. Ich wartete und wartete, aber meine Eltern kamen nicht. Als ich bemerkte, dass ich sie verpasst hatte, lief ich los.

C.R.: – und verliefen sich.

N.H.: Ja. Es war Mitte Februar, die Sonne ging langsam unter, die Gartensparte war riesig, so empfand ich es damals jedenfalls. Hunderte von kleinen Wegen, gesäumt von Jägerzäunen. Jedenfalls verirrte ich mich hoffnungslos.

C.R.: Aber wie haben Sie es geschafft nicht zu erfrieren, es war ja sicher kalt?

N.H.: In einem offenen Geräteschuppen fand ich Streichhölzer und eine Plane. Ich wusste aus der AG Junge Naturforscher, wie man ein Feuer macht, aber leider gab es kaum Feuerholz, so musste ich Nistkästen verbrennen.

C.R.: Wie lange hat es gedauert bis Ihre Eltern sie gefunden haben?

N.H.: 8 Tage. Ich habe mein Überleben nur der Vogelliebe der Kleingärtner zu verdanken. Ich ernährte mich von Meisenknödeln, Fett- und Streufutter.

C.R.: Ein einschneidendes Erlebnis für ein Kind, nur knapp dem Tod entkommen zu sein.

N.H.: Diese Erfahrung hat mein Leben beeinflusst, außerdem habe ich auch nach all den Jahren immer noch Gewissensbisse.

C.R.: Weil sie Ihre Eltern zu Tode erschreckt haben?

N.H.: Nein, weil meinetwegen viele Wintervögel keine Nahrung hatten und im Frühjahr keine Nistplätze finden konnten. Ich habe jetzt manchmal noch Alpträume.

C.R.: Wirklich?

N.H.: Ja. (pfeift) Ich denke auch oft darüber nach, dass mich mein Interesse für Vögel ja erst in diese Lage gebracht hat und dass nur das Interesse Anderer an derselben Tierklasse mein Leben rettete.

C.R.: Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben.